Eine drollige Gesellschaft (Mumintrollen #3), von Tove Jansson

July 3, 2021

Eine drollige Gesellschaft by Tove Jansson

My rating: 5 of 5 stars


Die Mumins kennen wohl die meisten von uns – eine Familie von Mumintrollen, die in einem kleinen Tal leben und diverse Abenteuer erleben. Geradezu ständig wächst die erweiterte Familie – da kommt mal ein Hemul dazu oder die kleine Mü – und die Reaktion der Mumineltern ist schlicht und liebenswert:

»Der Muminvater und die Muminmutter hießen alle Neuankömmlinge ruhig und freundlich willkommen, stellten zusätzliche Betten auf und vergrößerten den Esstisch.«

Meine frühesten Erinnerungen sind jene, in denen meine Eltern abends an meinem Bett sitzen und mir aus den Mumin-Büchern vorlesen. “Mumins vorlesen” – das war für mich als Kind der Inbegriff der Liebe.

Gerade dieser dritte Band hatte es mir damals – und hat es mir noch heute – besonders angetan, denn hier ist die Welt der Mumins friedlich: Die beiden vorherigen Bände, “Mumins lange Reise” (erschienen 1945) und “Komet im Mumintal” (erschienen 1946) spiegeln die Schrecken des zweiten Weltkriegs sowie den zeitgenössischen Ausbruchs des Vesuvs wider.

In der “Drolligen Gesellschaft” ist die Familie vereint im Mumintal und Tove Jansson schöpft aus den Vollen ihrer Fantasie – da werden aus unachtsam in einen Zauberhut (natürlich ein Zylinder!) geworfenen Eierschalen plötzlich Wölkchen, die nicht nur betreten, sondern gar wie eine Seifenkiste gesteuert werden können – das wollte ich auch gern, aber tragischerweise hat sich keiner der je von mir “erprobten” Zylinder diesbezüglich bewährt!

Geliebt habe ich auch immer die Sprache (obschon ich nur die deutschen Übersetzungen gelesen habe). Sowohl die frühe Übersetzung durch Vivica und Kurt Bandler als auch die hier zugrunde liegende moderne Übersetzung von Birgitta Kicherer.

Hier mal ein kleiner Vergleich:

Vivica und Kurt Bandler, 1954:
»Er hatte hundert Tage und hundert Nächte geschlafen, und die Träume schwebten noch um ihn herum und versuchten, ihn in den Schlaf zurückzulocken.«

Birgitta Kicherer, 2001:
»Er hatte hundert Nächte und hundert Tage geschlafen, und jetzt wimmelten die Träume noch um ihn herum und wollten ihn wieder in den Schlaf zurückziehen.«

Wo bei Bandlers die Träume “schweben” und “locken”, so sind sie bei Kicherer handfester und “wimmeln” und “ziehen” – ich kenne das Original nicht, aber die neue Variante klingt für mich plausibler.

“Halbe Sachen” gibt es bei den Mumins üblicherweise auch nicht – selbst der Zauberer lächelt buchstäblich von Kopf bis Fuß:

»Alle hatten den Zauberer lachen gesehen, aber niemand vermutete, dass er lächeln konnte. Jetzt breitete sich jedoch ein Lächeln auf seinem Gesicht aus. Er war so froh, dass es überall sichtbar wurde, an seinen Ohren, an seinem Hut, an seinen Stiefeln!«

Geprägt ist dieses – wie aber auch die anderen Mumin-Bücher – vom gegenseitigen Respekt und der Liebe der Figuren zueinander. Atypisch für die Zeit erscheint auch die schlichte und aufrichtige Toleranz: Der Hemul trägt ein Kleid und macht einen Knicks – ist eben einfacher und potentiell weniger “entblößend” als eine tiefe Verbeugung in einem Kleid!

Tove Jansson hat aber auch nie die tieferen Gedanken gescheut und so macht sie sich in der “drolligen Gesellschaft” anhand der komplexen Besitzverhältnisse um den “Königsrubin” Gedanken um das Verhältnis zwischen Gerechtigkeit und Recht – und löst diese Herausforderung zum Ende auf bestechend einfache wie wunderschöne Weise.

Auch die Beziehung zwischen Sammeln und Besitzen wird kongenial thematisiert:

»Du bist kein Sammler mehr, nur noch ein Besitzer, und das macht überhaupt nicht so viel Spaß.«


Letztlich aber, wenn es darum geht, was quintessentiell “muministisch” ist, so ist das ganz einfach: Liebe ist alles.


P.S.: Wer mehr über die Mumins wissen möchte, dem sei “Zépé’s Virtuelles Muminforschungszentrum” des unvergleichlichen Mumin-Kenners Christian “Zépé” Panse wärmstens empfohlen!





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