Der Vorleser, von Bernhard Schlink

October 9, 2021

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Der Vorleser by Bernhard Schlink

My rating: 5 of 5 stars


Vor vielleicht einem Jahr kam meine Tochter auf mich zu und fragte, ob wir eine Ausgabe von Schlinks “Der Vorleser” besäßen. Sie brauche es für den Deutsch-Leistungskurs in der Schule.

Ein Vierteljahrhundert vorher war Schlinks Roman gerade erschienen und machte Furore. Meine damalige Freundin schenkte es mir 1995 zum 20. Geburtstag und ich habe es verschlungen und geliebt.

Mir war ein wenig bange, als ich das Buch zurückerhielt und durchaus nicht zu Unrecht, denn für meine Tochter überwog die Kritik. (Und außerdem: Ein Buch, das heute in den Lehrplänen steht? Das ich als junger Mann geliebt hatte? Konnte das heute noch etwas sein?)
Ich hingegen hatte einen großartigen Roman über Schuld, Pflicht und Verbundenheit im Hinterkopf.

So pirschte ich mich kürzlich mit etwas flauem Gefühl in der Magengegend an eines meiner Lieblingsbücher nach so langer Zeit erneut heran. In Wahrheit allerdings hat die Geschichte mir aufgelauert, mich harmlos-scheinend geködert und dann wie einst überfallen, mitgerissen und völlig eingenommen…

Michael Berg, beim ersten Zusammentreffen gerade einmal 15, begegnet zufällig Hanna Schmitz und wird fortan nie mehr wirklich frei von ihr sein.
Schnell entwickelt sich zwischen beiden eine eigenartige Routine: Vor allem anderen liest Michael Hanna vor.

»Vorlesen, duschen, lieben und noch ein bißchen beieinanderliegen – das wurde das Ritual unserer Treffen.«

Doch diese Treffen nehmen ein jähes Ende als Hanna ohne ein Wort verschwindet. Für lange Jahre verschwindet sie aus Michaels Umfeld, aber nicht aus seinem Kopf. Er legt sich einen Panzer aus Arroganz zu, um nur nicht wieder derart verletzt zu werden, denn er hat »die Erinnerung an Hanna zwar verabschiedet, aber nicht bewältigt«.

Ausgerechnet im Gerichtssaal eines Prozesses gegen Wärterinnen des Konzentrationslagers Auschwitz trifft Michael als Jura-Student erneut auf Hanna, die dort angeklagt ist. Schnell wird klar: Hanna ist schuldig.

Für Michael wird aber auch klar, daß Hanna Analphabetin ist. Im Laufe des Verfahrens versteht er: Hanna wird jede Strafe auf sich nehmen, will aber um keinen Preis ihren Analphabetismus bloßgestellt wissen.

Michael kann die Bilder, die er von “seiner” Hanna mitnahm nicht mit denjenigen der KZ-Wärterin in Einklang bringen. Zeitweise verschwimmen beide gar miteinander.
Hanna wiederum weiß um ihre Schuld, sie bestreitet nicht die Fakten, aber während des Prozesses versteht sie dennoch nicht, wie es dazu kommen konnte.

Letztlich wird Hanna zu lebenslangem Gefängnis verurteilt und verschwindet somit wieder für Jahre aus Michael Bergs Leben – bis dieser beginnt, laut zu lesen und dies aufzunehmen. Die so entstehenden Kassetten-Aufnahmen schickt er Hanna ins Gefängnis – über einen Zeitraum von zehn Jahren. Noch immer ist Berg gewissermaßen gefangen in ihrem Bann und ist einerseits stolz auf sie, weil sie Lesen und Schreiben gelernt hat, gleichzeitig aber »traurig über sie, traurig über ihr verspätetes und verfehltes Leben«.

Als Hanna nach 18 Jahren im Gefängnis begnadigt wird, bereitet Berg “draußen” alles für sie vor und besucht sie im Gefängnis. Doch wiederum bekommt sein Bild von Hanna Risse; er hat sie als “immer frisch” riechend in Erinnerung und trifft auf eine Hanna, die, neben ihm sitzend, wie eine alte Frau riecht.

Hanna, die spätestens nach diesem Besuch weiß, daß das Vorlesen nunmehr wirklich zu Ende ist und sie sich letztlich auch von Berg nichts versprechen kann und darf, nimmt sich daraufhin das Leben. Ihre Beschäftigung mit dem KZ-System, dessen Bestandteil sie war, kann sie nicht rehabilitieren. Auschwitz kann man nicht vergeben und darf es nicht vergessen.

Auch Michael Berg wird nie wirklich von der gemeinsamen Geschichte frei sein. Er ist und bleibt gefangen in der Ambivalenz seiner subjektiven Geschichte mit Hanna.


Ich wiederum kann diesem Buch nicht gerecht werden. Was auch immer ich schreibe, bleibt hinter meinen eigenen Erwartungen zurück. Auch 26 Jahre nachdem ich es zum ersten Mal las, bleibt es mir ein unvergeßliches Meisterwerk.


Fünf von fünf Sternen und eine unbedingte Lese-Empfehlung.


»Die Schichten unseres Lebens ruhen so dicht aufeinander auf, daß uns im Späteren immer Früheres begegnet, nicht als Abgetanes und Erledigtes, sondern gegenwärtig und lebendig. Ich verstehe das. Trotzdem finde ich es manchmal schwer erträglich.«

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