Wulf C. Krüger
Ich komme aus einer technischen Welt, in der man Dinge nicht bloß benutzt, sondern verstehen will. Nicht oberflächlich, nicht nur so weit, dass es gerade eben reicht, sondern gründlich. Mich hat schon früh weniger interessiert, wie man sich in ein bestehendes System einrichtet, als warum es so gebaut ist, wie es gebaut ist, wo seine Bruchstellen liegen, und wie man es besser machen könnte.
Mein Weg in die Informationstechnik war deshalb nie nur ein Berufsweg. Er war von Anfang an auch Neugier, Basteltrieb, Systemdenken und ein gewisser Hang dazu, unter die Oberfläche zu schauen. Im März 1995 habe ich mein letztes OS/2-Warp-System durch Linux ersetzt. Rückblickend war das mehr als ein Plattformwechsel. Es war der Moment, ab dem sich mein technischer Kompass endgültig ausgerichtet hat.
Nach dem Abitur 1995, dem Zivildienst und einem Studium in Göttingen, das mich über Deutsche Philologie, Englische Philologie und Publizistik beziehungsweise Kommunikationswissenschaften führte, war schon klar, dass ich mich nicht auf Theorie beschränken würde. Ich habe früh praktisch gearbeitet, erst in kleineren, sehr greifbaren technischen Umgebungen. Da ging es um Systemadministration, Netzwerke, Server, Hardware, Betriebssysteme, Support, Beratung und die ganz konkrete Frage, wie man Technik für Menschen zuverlässig zum Laufen bringt.
Meine frühen Stationen bei Point in Holzminden, bei der Kanzlei H. Sippel in Göttingen und bei Dräger & Lienert in Hardegsen waren geprägt von genau dieser Mischung aus Pragmatismus und technischem Tiefgang. Ich habe interne Infrastrukturen betreut, Server administriert, Kommunikationskonzepte aufgebaut, Netzwerke gepflegt, Backups eingerichtet, Hardware gewartet und Schulungen gemacht. Das war keine glamouröse Phase, aber eine sehr prägende. Dort lernt man, dass Technik dann gut ist, wenn sie nicht bloß elegant aussieht, sondern im Alltag trägt.
Ab Ende 1998 wurde daraus ein stringenterer beruflicher Weg. Bei Mentopolis Consulting & Software Concepts habe ich erst im Bereich interne Informationstechnik und Informationstechnik-Sicherheits-Consulting gearbeitet und bin dann sehr stark in Qualitätsmanagement, Technologie-Consulting, Migrationen, Testmanagement, Standardisierung und Workplace-Themen hineingewachsen. Ein grosser Teil dieser Arbeit spielte sich im Umfeld der damaligen T-Com und später der Deutschen Telekom ab. Dort habe ich gelernt, in grösseren Zusammenhängen zu denken, also nicht nur einzelne Rechner, Server oder Anwendungen zu betrachten, sondern ganze Flotten, Prozesse, Standards, Abhängigkeiten und organisatorische Realitäten.
In dieser Zeit ging es um Migrationen von Arbeitsplatzsystemen, um Year-2000-Tests, um Software-Verteilung, um Incident- und Configuration-Management, um Evaluierungen neuer Werkzeuge und Strategien, um technische Qualität im grossen Massstab. Vieles davon war nicht sichtbar im spektakulären Sinn, aber zentral für das Funktionieren von Informationstechnik in grossen Umgebungen. Genau diese Art von Arbeit liegt mir bis heute: komplexe technische Lagen strukturieren, Risiken erkennen, Standards entwickeln, Dinge belastbar machen.
Parallel dazu lief bei mir immer noch eine zweite, ebenso wichtige Linie: freie und Open-Source-Software. Linux war für mich nie bloß ein Werkzeug. Es war immer auch Denkraum, Experimentierfeld und Überzeugung. Ich habe nicht lange damit aufgehört, nachdem ich Linux einfach nur eingesetzt hatte. Irgendwann wollte ich genauer wissen, wie eine Distribution eigentlich zusammengesetzt ist, was sie im Innersten ausmacht, und wie viel davon man selbst bauen, beeinflussen oder neu denken kann. In diese Phase gehören auch Linux From Scratch und Beyond Linux From Scratch.
Aus dieser Vertiefung wurde schliesslich echte Distributionsarbeit. 2007 bin ich unter dem Nick Philantrop Gentoo-Entwickler geworden, vor allem im KDE-Umfeld. Diese Zeit war intensiv, produktiv und prägend, auch wenn sie unschön endete. Kurz darauf wurde Exherbo zu dem Projekt, das meine freie technische Arbeit über viele Jahre hinweg am stärksten geprägt hat. Exherbo war für mich nie ein Nebenbei-Projekt. Es war eine ernsthafte, langfristige technische Heimat. Dort kamen viele Dinge zusammen, die mir wichtig sind: Klarheit, technische Ehrlichkeit, saubere Konzepte, Entwicklerfreundlichkeit und die Bereitschaft, Dinge nicht deshalb beizubehalten, weil man sie immer schon so gemacht hat.
Beruflich wechselte ich 2007 zu T-Systems. Dort habe ich zunächst im Qualitätsmanagement und Technologie-Consulting gearbeitet und mich in den folgenden Jahren immer weiter in Rollen bewegt, in denen technische Tiefe, fachliche Führung und strukturelle Verantwortung zusammenkamen. Ich war in Standardisierungsprogrammen aktiv, habe Benchmarks und Qualitätsverfahren mit aufgebaut, habe an der Einführung neuer Technologien mitgewirkt, an Richtlinien, Evaluierungen und übergreifenden Architektur- und Qualitätsthemen gearbeitet. Dazu kamen Pre-Sales-nahe Tätigkeiten, Strategiearbeit, internationale Projektzusammenhänge und die Übersetzung technischer Sachverhalte in belastbare Entscheidungen.
Später kamen formalisiertere Leitungsrollen hinzu. Ich war kommissarischer Teamleiter Quality Assurance, danach stellvertretender Teamleiter beziehungsweise Produktionsleiter in Quality Assurance und später im Cloud Workplace Management. Ich habe das Windows-10-Application-Readiness-Umfeld mitverantwortet, habe an Kompatibilität, Standardarbeitsplatz, Prozessqualität und technischer Governance gearbeitet. Von 2019 bis Anfang 2020 war ich bei operational services, bevor ich wieder in die Deutsche Telekom Informationstechnik zurückging.
Dort hat sich mein Schwerpunkt noch klarer in Richtung Architektur, Standardisierung, Betrieb und Verantwortung für zentrale technische Domänen verschoben. Das jüngere Bild meiner Arbeit ist geprägt durch Browser-Architektur, Core- und Developer-Anwendungen, Arbeitsplatzstandards, Kompatibilitätsfragen, Sicherheitsanforderungen, Betriebsstabilität und die Zusammenarbeit mit unterschiedlichsten Fachbereichen. Ich bewege mich gern dort, wo Technik nicht isoliert existiert, sondern in organisatorische Wirklichkeit übersetzt werden muss. Mich interessiert nicht nur, ob etwas technisch möglich ist. Mich interessiert, ob es tragfähig, sinnvoll, wartbar und im grösseren Zusammenhang verantwortbar ist.
Wenn ich meine Laufbahn selbst zusammenfassen müsste, würde ich nicht sagen, dass ich einfach Administrator, Architekt, Consultant oder Open-Source-Entwickler bin. Von allem ist etwas drin, aber nichts davon trifft es ganz. Der rote Faden ist eher dieser: Ich arbeite gern an der Struktur unterhalb der Oberfläche. An Standards, an Plattformen, an Werkzeugen, an Übergängen, an Vereinheitlichung, an Qualität, an Integration, an Klarheit. An den Teilen also, die man oft erst bemerkt, wenn sie fehlen oder schlecht gemacht sind.
Dazu gehört auch, dass ich Technik nie als Selbstzweck verstanden habe. Ich mag saubere Lösungen. Ich mag robuste Lösungen. Ich mag es, wenn ein System in sich stimmt. Aber ich mag vor allem Lösungen, die im Alltag Bestand haben. Gute Technik zeigt sich nicht nur in ihrer Raffinesse, sondern in ihrer Belastbarkeit. Sie muss unter Druck funktionieren, in gewachsenen Umgebungen, mit realen Menschen, widersprüchlichen Anforderungen und historisch bedingtem Ballast.
Vielleicht erklärt das auch, warum freie und Open-Source-Software für mich nie bloß Ideologie oder Hobby war. Sie war immer ein Ort technischer Ernsthaftigkeit. Ein Raum, in dem man Dinge nicht nur konsumiert, sondern gestaltet, hinterfragt, verwirft, verbessert und neu zusammensetzt. Gentoo und vor allem Exherbo waren in diesem Sinn keine Fussnoten meines Lebenslaufs, sondern ein integraler Teil davon.
Von den frühen Linux-Jahren über die ersten Administratorenrollen, die Zeit bei Mentopolis, die vielen Jahre im Telekom-Umfeld, Gentoo, Exherbo, Bedrock Linux und spätere Systemwechsel bis hin zu meiner heutigen Arbeit in Architektur, Betrieb und Standardisierung zieht sich für mich deshalb eine ziemlich klare Linie: Ich will Systeme verstehen, bevor ich sie bewerte. Ich will sie verbessern, ohne mich von modischen Abkürzungen blenden zu lassen. Und ich will technische Arbeit so machen, dass sie Substanz hat.
Am Ende ist das wahrscheinlich mein eigentliches Profil. Ich bin jemand, der tief in Systeme hineingeht, Zusammenhänge ernst nimmt, Komplexität nicht scheut und lieber belastbare Lösungen baut als laute. Wenn etwas dabei gut, klar und elegant wird, umso besser. Aber zuerst muss es stimmen.
