Sturm im Mumintal (Mumins #5), von Tove Jansson

Sturm im Mumintal von Tove Jansson

Meine Bewertung: 5 von 5 Sternen


Ich kenne die Mumin-Bücher seit meiner frühen Kindheit, und ich liebe sie wie kaum etwas anderes, das ich je gelesen habe. Gerade deshalb war ich froh, Sturm im Mumintal nicht bloß nostalgisch wiederzusehen, sondern neu zu erleben: als wildes, warmes, komisches Abenteuerbuch, das seine Zärtlichkeit nie von seiner anarchischen Lust am Chaos trennt.

»Falls ein Sturm kommt«, sagte sie vor sich hin und seufzte glücklich.«

Die Geschichte um die Mumins in einem unfreiwillig schwimmenden Theater ist nicht einfach nur originell. Sie ist eine grandiose Idee, weil sie Bewegung, Verwandlung und Spiel in die eigentliche Form des Romans einschreibt. Alles gerät ins Treiben, Häuser, Rollen, Familienordnungen, sogar die Frage, wer auf welcher Bühne gerade wen spielt.

»Am nächsten Morgen stand alles unter Wasser. Kinderwagen, Fischkästen und Zäune segelten vorbei – und sogar ein Haus.«

Es hat etwas von einem ständigen Neubeginn. Kaum ist eine Lage begriffen, kippt sie in die nächste, und doch wirkt das nie gehetzt. Jansson hält die vielen Handlungsstränge mit einer Leichtigkeit zusammen, die fast übermütig wirkt. Muminmutter, Muminvater, kleine Mü, Emma, der Parkwächter, das Theater, die Sturmflut, die Johannisnacht: Alles ist in Bewegung, aber nichts verliert seine eigene Farbe.

»Die Hatifnatten waren zu ihrer natürlichen Größe herangewachsen und kamen in Haufen auf den Parkwächter zu, von den elektrisierten Uniformknöpfen angezogen. Die Luft war voll von Blitzen, und die Knöpfe knisterten lauter. Plötzlich fingen die Ohren des Parkwächters an zu leuchten. Das Haar funkelte. Das ganze Gesicht und die Nase, und – auf einmal leuchtete der ganze Parkwächter!«

Wie kann man das nicht lieben? Diese Szene bündelt für mich alles, was hier so wunderbar ist: das präzise Absurde, die Bildkraft, die Lust am Exzess, und vor allem der Ton, der nie herablassend wird.

»Am schlimmsten war es beim Essen; denn die Teller rutschten leicht auf den Boden und gingen fast immer kaputt, wenn man sie annagelte.«

Das ist genau jener freundliche Humor, ohne jemand herabzuwürdigen, den Tove Jansson mit perfekter Leichtigkeit beherrscht.

Im Vergleich zu “Eine drollige Gesellschaft” (Rezension) oder “Mumins lange Reise” (Rezension) ist “Sturm” noch stärker ein Buch über Aufführung, Maskenspiel und darüber, dass Gemeinschaft immer auch Improvisation ist.

»Theater, das ist nicht ein Salon und ist kein Wohnschiff. Das Theater ist das Wichtigste auf der Welt, denn dort zeigt man den Leuten, wie sie sein könnten, und wie sie sich danach sehnen, zu sein, obwohl sie sich nicht trauen, und wie sie sind.«

Dieser Satz ist der Schlüssel zum ganzen Roman. Das Theater ist hier Rettungsort, Verwirrmaschine und Wahrheitslabor zugleich. Darin steckt auch der reale Hintergrund des Buchs: “Farlig midsommar” erschien 1954 als Teil der neun Mumin-Bücher; Tove Jansson stand damals bereits in enger Verbindung mit dem Theaterumfeld um Vivica Bandler, und offizielle Tove-Jansson-Quellen beschreiben den Roman ausdrücklich als Shakespeare-Hommage mit Bezug zu frühen Mumin-Bühnenproduktionen. Dass das Buch an Mittsommer spielt, ist ebenfalls mehr als Dekor, denn “Juhannus” ist in Finnland das große Fest rund um die Sommersonnenwende.

Ich habe “Sturm im Mumintal” anlässlich der kürzlichen Sommersonnenwende gelesen, denn das fühlte sich passend an: Das Buch hat etwas von langem Licht, von verschobenen Maßstäben, von einer Welt, in der Katastrophe und Geborgenheit gleichzeitig Platz haben.

»O Schicksal, dein Antlitz verhülle, denn nachtschwarze Botschaft ich künde!«, rief sie fröhlich. »Dein Sohn hat mit Trug uns enttäuscht und mit Lügen verpestet sein Wesen!«, fuhr sie begeistert fort.«

Und dann wieder diese pure Freude am Pathos, am Spiel, am großen Auftritt. Kurz vor Schluss findet sich noch eine der schönsten Muminmutter-Stellen überhaupt:

»Flieh!«, rief die Muminmutter. »Die Polizei ist hier!«
Sie wußte nicht, was ihr lieber Mumin getan hatte; aber sie war ganz und gar sicher, daß sie es billigte.
«

Mehr Liebe, Loyalität und Komik bekommt man kaum in zwei Sätze. Für mich ist “Sturm im Mumintal” deshalb nicht nur eine wunderbare Abenteuergeschichte, sondern ein Buch über Freiheit, Spiel und das Glück, auch im größten Durcheinander noch zueinander zu gehören.

Fünf von fünf Sternen.




Ceterum censeo Putin esse delendam



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